Wenn man in der TGA-Branche über Künstliche Intelligenz spricht, bekommt man meistens zwei Reaktionen: entweder Begeisterung ohne Substanz oder pauschale Ablehnung. Beides hilft nicht weiter. Ich bin seit 25 Jahren TGA-Fachplaner — und arbeite seit über zwei Jahren mit KI-gestützten Werkzeugen im Büroalltag. Hier ist, was ich dabei gelernt habe.

Was KI in der TGA-Planung heute wirklich kann

Fangen wir mit dem an, was funktioniert. KI ist dort stark, wo es um Mustererkennung in großen Datenmengen geht. In der Praxis heißt das: ein Leistungsverzeichnis mit 800 Positionen auf Plausibilität prüfen, Planunterlagen auf Widersprüche zwischen Grundriss und Anlagenschema scannen, oder aus einem PDF-Angebot strukturierte GAEB-Daten extrahieren.

Das sind keine Zukunftsszenarien — das funktioniert heute. Nicht perfekt, aber gut genug, um Stunden manueller Arbeit auf Minuten zu reduzieren. Der entscheidende Punkt: Die KI ersetzt dabei nicht die Fachkompetenz des Planers. Sie übernimmt den Teil der Arbeit, der repetitiv, fehleranfällig und zeitraubend ist.

Wo die Grenzen liegen

KI kann keine Planungsentscheidungen treffen. Sie weiß nicht, ob in einem konkreten Gebäude eine Luftwärmepumpe oder eine Sole-Wasser-Lösung sinnvoller ist. Sie versteht nicht, warum der Bauherr in Gebäudeteil B eine andere Raumtemperatur braucht als in Gebäudeteil A. Und sie kann nicht einschätzen, ob ein Nachtrag politisch heikel ist, obwohl er rechnerisch korrekt wäre.

Das klingt offensichtlich, aber genau hier liegt das Risiko: Wer KI überschätzt, delegiert Entscheidungen, die Fachverstand und Erfahrung erfordern. In der TGA-Planung haftet am Ende der Planer — nicht die Software.

Warum erklärbare KI entscheidend ist

Wenn eine KI eine Abweichung in einem LV markiert, muss der Planer nachvollziehen können, warum. Eine rote Markierung ohne Begründung hilft nicht — sie schafft nur Unsicherheit. Erklärbare KI bedeutet: Das System zeigt nicht nur das Ergebnis, sondern den Weg dorthin.

„Wenn ich einem Bauherrn erkläre, warum ein Nachtrag berechtigt ist, brauche ich Argumente — keine Black Box."

In der Praxis sieht das so aus: Die KI findet eine Abweichung zwischen ausgeschriebener und angebotener Leistung, zeigt die betreffenden Positionen im LV, referenziert die relevante VOB/B-Regelung und formuliert einen Textvorschlag. Der Planer entscheidet, ob und wie er das übernimmt. So bleibt die Kontrolle dort, wo sie hingehört.

Die echten Zeitfresser im Büroalltag

Die größten Effizienzgewinne liegen nicht bei der eigentlichen Planung, sondern bei den Prozessen drumherum. Jeder TGA-Planer kennt das:

Das sind genau die Aufgaben, bei denen KI den größten Unterschied macht. Nicht weil sie es besser kann als ein erfahrener Planer — sondern weil sie es schneller kann, ohne müde zu werden oder Zeile 647 zu übersehen.

Was das für kleine und mittlere Büros bedeutet

Große Ingenieurbüros haben eigene IT-Abteilungen und können individuelle Lösungen entwickeln lassen. Büros mit 1 bis 20 Mitarbeitenden — also die große Mehrheit in der TGA-Branche — haben diese Möglichkeit nicht.

Genau hier liegt die eigentliche Chance von KI: Sie kann kleinen Büros Werkzeuge an die Hand geben, die bisher nur großen Organisationen vorbehalten waren. Voraussetzung ist, dass die Tools praxistauglich sind — browserbasiert, ohne wochenlange Einarbeitung, und bezahlbar.

Mein Fazit nach zwei Jahren

KI in der TGA-Planung ist weder der Heilsbringer noch der Jobkiller, als der sie oft dargestellt wird. Sie ist ein Werkzeug. Ein sehr gutes Werkzeug, wenn man weiß, wo man es einsetzt — und ein riskantes, wenn man es überschätzt.

Die Planer, die in den nächsten Jahren die beste Arbeit abliefern werden, sind nicht die mit der meisten KI. Es sind die, die wissen, wo KI ihnen hilft und wo sie selbst besser sind. Diese Kombination aus Erfahrung und Technologie — das ist der eigentliche Vorsprung.